Ich sehe nichts
ich fühle nur
was immer ist
und unerhört
die Tage frisst
es ist mein Schwur:
ich gehe
nur, wenn niemand mich mehr sieht
durch meine Tür,
mein Seelenschild,
das mich vor all und dem bewahrt,
was außen sein, vermag und ist,
ich bin es nicht,
der dort noch wohnt,
geschützt vor‘m Wind
und wehe
einer kennt mein Bild,
erinnert meine Gegenwart:
ich bin schon tot,
für alle die, die nie die Tür
als Kralle einer fremden Macht
verspürt, verstört geschlossen haben.
Ich bin innen, sterb mein Leben,
ihr seid dort,
auf eurer Seite voller Pracht,
an einem fremden, andren Ort,
wo Schlangen sich an Äpfeln laben,
kann ich nichts
dafür
bin ich ein scheues Wild,
im Spiegel glänzt das blinde Bild
von dem, was ich nie war.
RPK 281211
Hallo. Ich bin ein Multifunktionsfreud,
man kann mich hegen, pflegen, und ab
und zu verlegen, wenn Aufrichtigkeit nicht
gefragt oder zu beantworten
sein sollte, was auch immer Haupt-
oder Kopfsache ist, Gefühl zählt nichts,
zahlt nur die Zeche, den Kater im Nacken,
er schnurrt noch, im Stillen.
RPK 200411
Es wirkt kein hergebrachtes Schild:
Der Mensch ist nicht aus grauem Blei.
Im Auge noch das bleiche Bild
von Nagasakis Konterfei.
Als Schatten legt es sich anbei
in strahlend helle Gräben.
Das Leben schmilzt zu schnell vorbei
an kontrollierten Stäben.
Die Bäuerin pflückt den Salat
aus grünem, unsichtbarem Tod;
auf jedem Blatt klebt der Verrat
an Hiroshima, falschem Jod
und Caesium. Aus Menschlichkeit,
die aus dem Grab entwachsen ist,
bleibt uns wohl für die Ewigkeit
nur Halbwertszeit der eignen Frist,
die uns für uns gegeben scheint.
Wann läuft sie ab? Ich weiß es nicht.
Die Sonne, die am Himmel weint,
taucht Japan in ein stummes Licht.
RPK 200311
Im Norden eines altvertrauten Tages
hatte ich die Nacht gefunden.
ich grüßte sie noch kurz,
sie wanderte südwärts, entgegen
aller Erwartungen
kam ich im Osten an
einen neuen Morgen,
der kaum geboren
schon im Westen
versank.
RPK 080311
Leise legen sich die Lider
auf den müden blauen Ball.
Jedes Sehen ihm zuwider
sehnt er sich nach schwarzem All,
in dem das Auge trocken bleibt.
Leise lege ich mich nieder,
warte auf den letzen Knall,
bis unverhoffte Stille wieder
mich im Jenseits einverleibt.
RPK 080310
unverliebtgestanden
liebvertollteserlei
denabendvordemloben
mordenverbringmichum
denstrandversandet
esimmermeerimmermehr
imlandgrenzenlosge
tretengeadeltvonfüßen
imfeuerunverzeihlich
terhöllenwärmeinschick
salpeterduftbetörtden
nochbestehendendentag.
RPK 080311
Ich war mir sicher,
dass dort das Haus stand, mit amerikanischen Briefkästen und zu vielen Parkplätzen davor; ich dachte immer, das passt: viel Freiraum.
Doch da war keines. Ich ging zur letzten Kreuzung, fand den Spielplatz mit der Schaukel und ging zur nächsten Kreuzung, die im Labyrinth der gepflasterten, verwinkelten Straßen des Wohngebietes im Dunkeln immer schwer zu finden war. Ich kannte alles und fand nichts.
Nur ein Baum stand an der Stelle, wo sie wohnte, und auch den kannte ich, wenn auch nicht von hier. Ich hatte ihn im Frühsommer 1990 in Weimar gesehen, unverkennbar seine urzeitlichen Blätter, und ich wusste noch wie gestern, wie ich erstmals eines prüfend in der Hand hielt und es nicht von dieser Welt fand.
Ein Leben später sah ich es in einem botanischen Garten wieder, und auch das Wiedersehen war nicht von dieser Welt. Ich war glücklich, nur mit einem lange vergessenen Blatt und ihr.
Ich steige in meinen Mercedes und fahre. Davon? Wie damals, denke ich, es war noch ein Golf. Ich war noch ein Golf, würde sie heute sagen, mit Benzfahrern redet sie nicht gern, vielleicht sollte ich mir Gedanken machen, nicht dass es sie angehe oder gar berühre - aber sie mache sich schon Sorgen. Um wen? In der Ablage unter der Augenahornapplikation liegt das Ginkgoblatt und ist ewig, es hätte auch in keinem Golf andere Anmut gehabt, und der Benz war ein Zufallskauf. Ich bin nicht anders, ich finde nur nicht mehr zu ihr.
Dabei war ich mir sicher,
dass wer sich einmal am Fuße eines Ginkgobaums gefunden hat,
sich nie mehr verliert.
RPK 010311
e2e4?!
ich weiß nichts mehr von Dir
alles ist schwarz
geworden
in Rauten
Läufer ohne Ziel
Springer sind mir sympathisch
sie überwinden Hindernisse
Rochade, versteck den König
hinter dem Bauern
der in Furchen
die Saat nicht mehr findet
++
0:1
RPK 210111
Was kann uns tragen?
sind wir zu leicht
fertig mit uns
ohne zu fragen
war ich zu seicht
in altem Farbenbund
schwarzweiß geworden
was ist schon leicht
zu ertragen, gewesen
bist Du nie wirklich
Gegenwart: ein Hund
zerfleischt die Horden
die noch gar nicht
wussten vom Schlund.
Ich sehe nur das Licht,
an dunklem Tag gelesen.
Was einmal war, das endet
ziellos unverbunden
unverbindlich, nur verwendet
ach, so viele Stunden.
Verwunden habe ich es
nicht heute und nicht
morgen. wie gesundet wes
Wesensein so zerbricht?
RPK 180111
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